Wenn Neugier unwiderstehlich wird

Wenn Neugier unwiderstehlich wird

Um bei fremden Menschen an der Tür zu schellen, bedarf es entweder einer besonderen Notlage oder eines unwiderstehlichen Moments. Wenn etwa vor einem Normalo-Haus in einer westfälischen Kleinstadt ein Supersportwagen mit britischem Kennzeichen parkt, der normalerweise selbst auf Automessen immer mit einem Kordelzaun vor allzu innigen Kontakten geschützt wird. „Die beiden würden so gerne mal in das Auto schauen“, entschuldigt sich die Mutter von zwei halbwüchsigen Söhnen, die schon eine ganze Zeit ehrfürchtig um den giftgrünen McLaren 570S geschlichen sind und jetzt natürlich nacheinander nicht nur Probe sitzen, sondern gleich auch eine Runde mitfahren dürfen. Der metallene Sound beim Start des Motors bringt ein ebenso fettes Grinsen in den Gesichtern der jungen Beifahrer. Sie kennen sich natürlich bestens aus. Mittelmotor, Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe und Carbon Chassis sind die Kennzeichen des McLaren, der am nächsten Tag vom westfälischen Soest heim ins Mutterhaus nach Woking in Großbritannien gefahren werden soll.

Langsam schiebt sich der über zwei Meter breite giftgrüne McLaren 570S durch das Parkplatztor

Der Achtzylinder unter der gewölbten Motorhaube des grünen 570S aus der Manufaktur von McLaren erwacht auf Knopfdruck mit einem blechernen Knallen zum Leben. Für die meisten Bewohner der mittelalterlichen Fachwerkhäuser rund um den verriegelten Parkplatz dürfte die Nacht spätestens jetzt zu Ende sein. In Zeitlupe schieben sich die Flanken der über zwei Meter breiten und viereinhalb Meter langen Flunder durch das elektrische Parkplatztor. Bei einem zum Zweck der Überführung heim nach England anvertrauten Wert mehr als 265 000 Euro geht man da schon sehr, sehr vorsichtig zur Sache. Schnell liegen die engen Altstadtgassen hinter uns, auf der gerade mal tempolimitfreien deutschen Autobahn bietet sich eine letzte Gelegenheit, den 570S nochmal richtig rennen zu lassen, bevor sich die geballte Kraft von 570 PS durch Benelux hin ins nordfranzösische Calais leider die Zügel anlegen lassen muss.

600 Newtonmeter katapultieren den 570S in 6,3 Sekunden von 100 auf 200 km/h

Ein Push auf das Gaspedal und die Vehemenz von 600 Newtonmetern auf der Hinterachse lässt den Sportwagen unvermittelt nach vorne schießen und drückt einen noch tiefer in die vor dem Cockpit versenkten Performance-Sitze. Fahrwerk und Antrieb des von Carbon umhüllten und damit nur 1440 Kilogramm schweren zweitürigen Coupés lassen sich unabhängig voneinander in Normal, Sport oder Track schalten. Dann ist der McLaren entweder völlig tiefenentspannt oder schreit auf wie jetzt, als er in wenigen Sekunden (genauer berechnet in 6,3 Sekunden) auf der Überholspur von 100 auf 200 km/h beschleunigt. Jede einzelne der Rillen zwischen den Asphaltplatten der Autobahn wird unvermindert an den Popometer weitergegeben. 280 km/h müssen für jetzt und heute genug sein und die Höchstgeschwindigkeit von 328 km/h muss einer tatsächlichen Rennstrecke vorbehalten bleiben. Beim Abbremsen vor der Baustelle ziert sich die serienmäßige Kohlefaserkeramikbremse zunächst, doch ein kräftiger Druck beendet den wortlosen Dialog und bringt den nach Geschwindigkeit gierenden Briten nachhaltig zur Raison.

McLaren macht seine Rennboliden alltagstauglich

Die langsamere Fahrt lässt es zu, die Blicke schweifen zu lassen und mit den Fingern wieder und wieder über das in Alcantara gehüllte Innere gleiten zu lassen. Wen Eitelkeiten plagen, der darf in einen Kosmetikspiegel blicken, wer Platz für das Schminktäschchen sucht, findet ihn in im Handschuhfach. Was zeigt, dass McLaren seine Rennboliden jetzt tatsächlich alltagstauglich machen will. Apropos. So schön diese weit aus holenden Schmetterlingstüren bei McLaren auch sein mögen: die schrankenbewehrte Zufahrt zum Eurotunnel in Calais erforderte mangels eines Beifahrers einer gewissen Gelenkigkeit, um unter der halb geöffneten Fahrertür den erforderlichen Zahlencode einzutippen.

Bei deaktiviertem ESP wirft der McLaren seinen Hintern herum wie eine zickende Operndiva

Endlich nahe der Wiege aller McLaren in Woking angekommen, lädt der ländliche Südwesten von England mit seinen langen gezogenen Geraden und sanft geschwungenen Hügeln zu einem Umweg und zur Kurvenhatz. Auf Lastwechsel in allzu engen Kurven reagiert der giftgrüne Supersportler gerne auch etwas aufgeregter. Doch das ESP lässt immer ordentlich Spielraum und lässt auch schon mal ein Crescendo zu. Drückt man den Knopf länger und zieht sich die Stabilitätskontrolle hinter einen Vorhang zurück, schnalzt der McLaren mit all seiner Kraft los und wirft seinen gewölbten Hintern herum wie eine zickende Operndiva. Das Finale ist wagneresk und im Zuge der Dämmerung zieht sich die Sonne hinter der Silhouette des 570S für diesen Tag zurück.

Technische Daten
Hubraum: 3799 cm³
kW / PS bei U/min: 419/570  bei 7500
Nm bei U/min: 600 bei 5000 – 6500
Abgas CO2: 249 g/km

Text: Solveig Grewe

Bilder : Solveig Grewe, Craig Pusey, Hersteller

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